Bramfeld-Splitter

Auch über Bramfeld kreist die Abrissbirne. Nach Jahnke und der Alten Schmiede Ellerbrock (früher mal  Radmobil) kommt demnächst die alte Kinderland Villa unter den Hammer. Zwar auch wieder denkmalgeschützt, aber null problemo. Danach wird es mit der Gemütliche Ecke am Bräsigweg weitergehen. Und in ähnlicher Hässlichkeit und Halbwertszeit wie im restlichen Hamburg werden mit Sicherheit auch in Bramfeld die neuen Wohnklötze hochgezogen, denn billigen Wohnraum zu schaffen lautet die angekündigte Drohung des Senats.

Da trifft es sich gut, dass nun gerade Tag des offenen Denkmals war, so eine Art Totensonntag für Alte Gemäuer in Hamburg. Und noch besser, dass das einzige noch erhalte Bauernhaus vor 35 Jahren dem Abrisswahn trotzen konnte und nun gerade frisch saniert weiterhin als Stadtteilkulturzentrum genutzt wird. Das Jubiläum wird vom 22.9 bis 24.9 mit Veranstaltungen und Aktionen gefeiert  und dabei auch den anderen Opfern Hamburger Ignoranz und Verstümmelung gedacht. Kommen Sie vorbei und feiern Sie mit. Und dann nachher schön wählen gehen …

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Bramfeld hat ja einige Kuriositäten zu bieten. So steht zum Beispiel manchmal ein Mann mit schwarzen kurzen Hosen in der Nähe vom Taxenstand am Bräsigweg und singt aus voller Kehle. Da er äußerst freundlich ist und sehr gepflegt aussieht, hören ihm die vorbeigehenden Menschen gerne zu. Viele kennen ihn schon und grüßen ihn. Ob er mal Sänger war oder einfach nur einsam ist, weiß niemand und es ist wohl auch nicht wichtig. Denn er spricht nicht, sondern er singt.

Ein anderer Mann kommt oft ins Brakula. Er singt nicht, sondern spricht und hat mal erzählt, dass er im Jugoslawienkrieg Partisane war. Er ist Maler und hat zusammen mit dem bekannten Erwin Ross die barbusigen Frauen auf die Häuser an der Reeperbahn gemalt. Zum Beispiel auch über der Ritze. Herr Ross hat sehr gut bezahlt, sagt er. Allerdings nichts für die Rente. Nun ist Herr Ross tot und er alt. „Was kann man machen?“ ist sein Lieblingsspruch. Manchmal fragen wir ihn, ob er nicht auch bei uns malen will: Aquarell, Zeichnen oder auch an Wände sprühen. Aber er mag nicht. Schade.

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In Bramfeld lässt sich gut leben. Wo sonst kann man jedes Wochenende unterm Sternenlicht tanzen und nur 5 Minuten später auf der anderen Straßenseite alle Tabus brechen, oder wenn es sein muss und sich noch alles dreht, auch im Tabu brechen. Bramfelds Partymeile ist legendär, na gut sagen wir außergewöhnlich oder auch ganz ok. Das Bermudadreieck Starlight, Tabu und G-Zeiten hat schon manchen kiezerprobten Profi aus der Bahn geworfen.

Wacht man in einer Bramfelder Spelunke auf, wundert man sich, wie familiär es hier zugeht. Hier wird man als Schnapsleiche noch mehr oder minder liebevoll aus dem Türrahmen entfernt, wenn der dicke Kopf partout nicht durchgehen will oder man sich irgendwie darin verkantet hat. Und dann in der stabilen Seitenlage vor dem sicheren Erstickungstod durch Erbrechen bewahrt (siehe oben). Deckel machen ist Standart, man kennt sich und hält gerne ein Schwätzchen.

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Im Herbst werden die Blätter bunt und die Gedanken grau. Und Totensonntage sowie Buß- und Bettage tragen auch nicht gerade zur Auflockerung der Stimmung bei. Wer bei den gefühlt übermorgen anstehenden Jahresendfeierlichkeiten jetzt schon Pickel bekommt, sollte sich nicht weiter grämen. Denn Sie sind nicht allein. Geschätzten 87,74 Prozent geht es ähnlich wie Ihnen, die anderen sind Tabletten, Drogen oder Alkoholabhängig . Oder alles zusammen, was die Situation schon leicht bessert. Besser ist, Sie beugen vor und lassen Sie es erst gar nicht so weit kommen.

Wenn Ihnen die Gelassenheit im Alltag fehlt, kommen Sie doch zu einem Yogakurs ins Brakula. Jeden Montag oder neu ab dem 11.10 auch mittwochs. Oder finden Sie beim Pilates oder mit der Eutonie ihre innere Ruhe. Ein netter Spaziergang unterm bunten Blätterdach am Bramfelder See tut’s selbstverständlich auch. Und da der Mensch ja nicht nur aus Körper, sondern im Idealfall auch aus Geist und Seele besteht, wäre auch gegen ein anschließendes Stück Schokoladentorte in unserem Vistro nichts einzuwenden. Ich wünsche Ihnen guten Appetit und ein friedliches OM.

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Die beste Weißwurst in Deutschland gibt es nicht in Bayern, sondern in Bramfeld. Einige Pokale und Auszeichnungen im Laden von Raff am Bramfelder Dorfplatz zeugen von diesem Triumpf. Aber da diese Peinlichkeit den Bayern natürlich höchst unangenehm ist, spricht niemand so recht darüber.  Bramfelder Understatement eben.  Das bei Raff natürlich auch sonst auf Sterneniveau gemordet wird, versteht sich von selbst. So ist es jedem Schwein eine große Ehre, vom fachmännisch geführten Messer des  Meisters persönlich gemeuchelt und geviertelt zu werden.

Da können wir uns nicht lumpen lassen und wollen Ihnen mit Bloody Bramfeld nicht nur blutiges Fleisch, sondern auch den ganz normalen täglichen Horror schmackhaft machen.  Neben Monster-Trickfilmen, einem Verbrecher–Slam und Horrortheater gibt es Schauerlesungen und eine Kriminacht. Und wer sich dann immer noch nicht fürchtet, sollte zu unserer Halloween-Party gehen, seine Kleinen zum Teufel mit den drei goldenen Haaren schleppen oder sich die blutige Aktionskunst von Hermann Nitsch filmisch einverleiben. Dazu passt ein Weißwürstle, Weißbier und weiß ich noch was.

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Können wir das schaffen? Ja, wir schaffen das! So oder ähnlich hören sich die Durchhalteparolen an, die allerorts verbreitet werden. Bob der Baumeister hat es allerdings auch mit wohlwollenden, sprechenden Baumaschinen zu tun, mit Wendy und Baggi versteht er sich prächtig und arbeitet Hand in Hand. Was ja auf Baustellen leider nicht immer der Fall ist.  Ich könnte Ihnen Sachen erzählen … So ein altes Bauernhaus und jahrelangen Sanierungen geben immer wieder Anlass zu erstaunlichen  Begegnungen mit Baufachleuten aller Art.

Nun haben wir seit letzter Woche einen Baum auf unserem Dach. Xavier hat ihn dort liegenlassen. So ein Gründach ist ja auch im Prinzip eine schöne Sache, aber so recht will keine Freude aufkommen. Denn Baumfäller und Kräne sind bis Weihnachten ausgebucht. Weihnachten! Das ist doch die Lösung. Ein wenig Lametta und wir bieten ihn als Weihnachtsbaum zum Selberschlagen an. Dann ziert er nicht nur unser Dach, sondern auch die ein oder andere Bramfelder Wohnstube. Also kommen Sie mit Axt und Schubkarre vorbei und helfen uns, das Ungetüm vom Dach zu bekommen. Ewige Dankbarkeit und eine Packung Lametta sei Ihnen gewiss.

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Schlangen sind in Bramfeld gerne gesehen. Zumindest vor Supermarktkasse und besonders schöne Exemplare gibt es bei Kaufland  zu bewundern. In stiller Einmütig- und Ergebenheit freut man sich auf die freie Zeit, die man nun nach der ganzen Sucherei zwangsverordnet bekommen hat. Mal sehen, was der Vordermann so einkauft und abschätzen, wie der eigene Einkauf wohl auf die hübsche Kassiererin wirken mag. Ein Schwätzchen über den Warenabschnittseinteiler und die Frage: Wer darf/soll/muss ihn eigentlich aufstellen?  Ist es unhöflich oder respektvoll, seine mühsam zusammengeklaubten Schätze zu verbarrikadieren und seine Grenze zum Nachbarn zu markieren?

Womit wir nach vielen Schwurbeleien wieder beim Thema wären: wem gehört Bramfeld? Wo sind die Grenzen und Befindlichkeiten? Rein optisch ist es ja nicht schwer, die Ortsschilder auszumachen, aber in den Köpfen gibt es dann doch leider erheblich mehr Beschränkungen. Wohne ich auf der richtigen Straßenseite, wo kommen die Anderen her und warum? Dem Thema auch angenommen haben sich die sogenannten Identitären, die, wie der Name vermuten lässt, ihre Identität als gottgegeben, einzigartig und erstrebenswert halten. Und damit bedrohlich nahe zum allgemeinen Nazitum dieser Republik sind. Wenn Sie näheres wissen wollen: kommen Sie am 2.11 zum Vortrag von Paula Winkler.

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Im November legen sich viele Tiere zum Winterschlaf in ihr kuscheliges Nest. Keine schlechte Idee – man verpasst zwar Weihnachten und Silvester, dafür aber auch die grau(sam)en Tage mit Nieselregen und kalten Füßen.  Aber wir sensiblen Säugetierchen haben es da leider nicht so einfach. Regelmäßiges Esen und der tägliche Wunsch nach Drama und Ablenkung stören den geruhsamen Winterschlaf empfindlich und nach 12 Stunden im warmen Bettchen gibt’s zudem oft noch Rücken.

Maulwurf und Eichhörnchen sind da klüger. Der Eine hat im Erdreich dicke weiße Larven vergraben und der Andere leckere Nüsse. Weiteres nützliches Wissen zum Leben des Maulwurfs können Sie in dem Stück der Bühne Bumm vom „Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ erfahren. Allerdings müssen Sie da schon ihren Winterschlafversuch frühzeitig unterbrechen, denn das Stück beginnt am 19.11 schon um 11 Uhr quasi im Morgengrauen. Zu den hyperaktiven Eichhörnchen gibt Ihnen unser Hausfotograf Tony Oxley ab dem 23.11 ein paar Zeugnisse seiner Licht- und Schattenkunst. Und dann ist es auch schon wieder Zeit für ein Mittagsschläfchen.

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Wissen Sie schon, wie Sie den Buß- und Bettag nächste Woche angemessen feiern wollen? Geschenke und Eier anmalen fallt ja aus beziehungsweise kommen erst später dran. Gruselig verkleiden und Pappnase war auch schon. Bleiben also noch eine gepflegte Buße und ein Tag im Bett. Sollten Sie ohne Schuld beziehungsweise Reue sein und nicht so recht wissen, was Sie büßen sollen, hat unser Brakula Lebensratgeber wieder einen Tipp für Sie parat. Werden Sie  Mitglied im Verein. Aber nicht irgendeinem, sondern in unserem, dem Bramfelder Kulturladen e.V. So etwas ziert nicht nur ihre Visitenkarte, Sie können zum Beispiel für lau oder wenig Moneten unsere Räume mieten und so richtig hemmungslos feiern und die Sau raus lassen. Oder Sie gründen die Selbsthilfegruppe der Anonymen Büßer und lernen so andere nette Sünder und Sünderinnen kennen. Schön ist es auch, sich bei unseren für Mitglieder vergünstigten Veranstaltungen durch Zwischenrufe oder unflätigen Körpergeräuschen als Kunstkenner oder Kritiker zu zeigen. Wenn Sie dann nach getaner Arbeit voller Reue sind, haben Sie es geschafft: Sie haben sich sowohl als Mitglied im Kulturverein ihres Vertrauens qualifiziert als auch jede Menge Gründe, Buße zu tun.  Und das Alles für nur 3,50 Euro im Monat. Jetzt sind Sie dran.

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Waren sie schon im neuen Saturn  in der Marktplatzgalerie? Ist sehr schön geworden und genau so ein Elektrofachmarkt hat doch in Bramfeld gefehlt. Demnächst will die Haspa in die Dorfpassage ziehen und Damms an der Bramfelder Chaussee schließt. Bramfeld verändert sich und hoffentlich wird es nicht nur die Einkaufsmöglichkeiten betreffen. Denn ein Stadtteil lebt nicht nur vom Brot allein. Ab und zu ein wenig Käse schmeckt auch sehr gut.  Den exotischsten und politisch korrektesten Käse in ganz Hamburg bekommen Sie bei uns. Ist ja Ehrensache. Für diesen Käse musste keiner unglücklichen Kuh das Euter gequetscht werden, kein Kälbchen musste hungrig ins Bett. Und das Schönste: Unser Vistro zeigt Ihnen, wie man diesen Käse selber macht. Ende November können Sie sich zum veganen Käsebauer ausbilden lassen und mit einem Käsediplom und ihrem Gesellenstück unter dem Arm zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein leeren. Käse und Wein sind ja seit langer Zeit gute Freunde,  ähnlich wie Käse und Brot, Wein und Brot und Mensch und Kuh. Wenn Sie je in die braunen Augen einer Kuh geblickt haben, wissen Sie, wovon ich rede.  Lassen Sie also der Kuh ihre Milch und trinken Sie weiterhin den leckeren Rotwein. Sie  wären doch sonst auch genervt, wenn die Kuh Ihnen den Rotwein wegsäuft.

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Das Schönste am Bus fahren sind die anderen Fahrgäste, denen man beim telefonieren zuhören oder beim chatten über die Schulter schauen kann. Bewundernswert, wie ausdauernd der Umwelt  die  aktuellen  Standorte mitgeteilt oder der schicken Elektroschwarte mit dicken Daumen die krudesten Texte entlockt werden.  Ein Abgleich mit dem Blick aus dem Fenster  zu dem eingemummelten Rest, der an den flinken Daumen hängt, führt manchmal zu einem Lächeln, meistens aber Schlimmerem. Wir Menschen sind schon eigenartig.

Wenn Ihnen nichts Menschliches fremd ist und Sie verschrobene Geschichten lieben, kommen Sie zum Poetry Slam am 1.12. Mit etwas Glück sind Sie Teil der Jury und entscheiden dieteresk über Top oder Flop. Das macht nicht nur Spaß, sondern beruhigt ungemein. Denn wenn Sie bisher geglaubt haben, ihre Gedanken und Gefühle sind schon hart an der Grenze des Normalen: beim Poetry Slam stellen Sie fest, dass Sie noch in ruhigen Fahrwassern navigieren und dem Wahnsinn noch entspannt vom anderen Ufer aus winken können. Das kann sehr wohltuend sein und Busfahrten aus völlig anderen Blickwinkeln ermöglichen.

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Nun ist es raus: das Bramfelder Stadtteilfest wird im nächsten Jahr zusammen mit dem verkaufsoffenen Sonntag am 3.6 stattfinden. So hat es die Kinder- und Jugend AG, die dieses Fest  seit 27 Jahren veranstaltet, entschieden. Und wenn Sie sich schon mal die Flohmärkte auf dem Marktplatz Herthastraße vormerken wollen: sie finden im nächsten Jahr am 1.5, 1.7, 19.8 und 16.9 statt. Da die Flohmärkte in Bramfeld so beliebt sind, werden wir auch weiterhin bei uns im Haus an jedem 2. Sonntag im Monat die Frauenklamottenflohmärkte veranstalten.

Nähen, Basteln, Heimwerken und Kochen ist ja wieder schwer angesagt und wird auch von Ikea und Co angepriesen. Dort nennt es sich dann neudeutsch Cocooning, was übersetzt so etwas wie „es sich gemütlich machen“ bedeutet.  Das fällt uns Norddeutschen dank Kälte und Dunkelheit derzeit  ja nicht schwer aber wenn Sie noch Anregungen brauchen, können Sie zum Beispiel in unserem Webkurs oder in der Schmuckwerkstatt aktiv werden, sich dort ein dickes Fell oder einen feinen Zwirn weben und sich damit entsprechend aufhübschen.  (wurde von der Redaktion gestrichen).

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Wenn Sie noch nicht wissen, was Sie Weihnachten kochen sollen, schauen Sie doch mal in unseren Foodsharing-Kühlschrank und lassen sich inspirieren. Vielleicht haben Sie ja eine Idee, was sich aus Rosenkohl, Mangosuppe und Pilzen so zaubern lässt. Wenn nicht, wartet 2 Meter weiter unser Büchertausch-Regal. Dort sind zwischen Krimis und Romanen immer mal wieder ein paar Kochbücher versteckt. Eins habe ich selbst dort hingelegt und auf Seite 251 finden Sie mein Weihnachtslieblingsrezept: Miesmuscheln mit Glasnudeln. Bis auf die Glasnudeln scheint es mir ein urnorddeutsches Weihnachts-Rezept zu sein. Jedenfalls für mich mit meinem Migrationshintergrund. Denn ich bin aus Lohne, einem kleinen Örtchen in Niedersachsen jenseits der Weißwurstgrenze. Mit diesem Rezept ist das Fest zumindest kulinarisch gerettet.  Und da es schön scharf ist, hat man jede Menge Gründe, viel  Wein und Bier hinterher zu kippen, was das Fest der Feste ja nur noch schöner macht und bei uns auf dem Land einer der vielen guten Sitten zu Weihnachten ist.

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Jetzt, wo das Jahr noch frisch und knackig ist, sollten sie sich auch frisch und knackig machen und das Haus verlassen. Kälte und Dunkelheit laden zwar zum Kuscheln auf dem Sofa ein aber von nichts kommt nichts und wenn einer ihrer Neujahrsvorsätze „mehr Spaß“ lautet, sollten sie den Fernseher aus, die Zeitung zu und den Computer off lassen. Etwas Gesellschaft wird Ihnen gut tun und im Stadtteilkulturzentrum ihres Vertrauens ist es auch trocken und geheizt. Unser Comedypokal am 26. und 27. Januar verspricht wieder einiges an Gassenhauern und Geselligkeit. Die bekannten Witzfiguren aus Sport, Prominenz und Politik haben in letzter Zeit zwar schon toll vorgelegt, aber die meisten Pointen sind dann doch misslungen und nicht ganz so komisch. Denn ausbaden müssen die schlechten Scherze ja immer die Anderen und in diesem Falle Sie und ich. Wir haben also bessere Witzbolde als Trump und Lindner verdient. Am Freitag haben wir Peter Löhmann und Martin Frank zu Gast, was ja schon mal ein seriöser und vielversprechender Anfang ist. Island hat ja sogar mal einen Comedien zum Präsidenten gewählt …

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Der Mörder ist immer der Gärtner, was in Bramfeld die Fahndung aber nicht unbedingt erleichtert, da fast jeder hier seine eigene Scholle bestellt oder zumindest auf dem Balkon oder im wohnzimmerlichen Blumentopf legale oder illegale Pflanzenexperimente betreibt. Will heißen: der  Bramfelder  und noch mehr die Bramfelderin sind den Pflanzen sehr zugetan und dies nicht nur auf dem Teller. So ist es nur logisch, dass der Stadtteil nach einer Pflanze, in diesem Fall dem ordinären Besenginster benannt ist. Aber das demnach folgerichtig  die Hummelsbüttler Bienenfreunde sind oder die Poppenbüttler so heißen, weil sie gerne Sex haben, mag ich nun nicht so ohne weiteres behaupten. Aber wer weiß.

Wir haben uns in diesem Jahr ebenfalls einer ordinären Pflanze verschrieben, denn fein können wir eigentlich gar nicht. Wir wollen der Zaunwinde neue Ehren zukommen lassen und da sie sich so elegant über Zäune windet, heißt unser Jahresthema nun „überGrenzenwinden“. Letze Woche haben wir ein Banner an unser Haus gehängt und auf dem Neujahrsempfang Zaunwinden verteilt. Es sind noch welche zu haben und wenn Sie blumengleich die Brakula-Türschwelle überwinden, dürfen Sie sich gerne ein Töpfchen abholen.

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Gestern habe ich mein Smartphone weggelegt und begonnen, die Welt zu betrachten. Dies ist nun nicht das schockierende Geständnis eines vom ganzen digitalen Firlefanz angewiderten Asketen sondern der Titel eines Theaterstücks, bei dem ein Schüler des Osterbek Gymnasium sein Smartphone weglegt, und beginnt, die Welt zu betrachten. Zu sehen am 3.2 bei uns im Brakula. So weit, so gut.  Aber was sieht man denn so, wenn man sein Smartphone weglegt und beginnt, die Welt zu betrachten?

Zuerst einmal fällt einem wieder mal das graue, regnerische Wetter auf, aber ein Blick auf die Wetter-App verrät, … und außerdem, wann der nächste Bus kommt, was meine Freunde so machen, ob sich die Welt noch dreht und ob sich die Dönerbude um die Ecke lohnt. Dies alles erfahre ich fix  und in Farbe, wenn ich mein Smartphone nehme und aufgebe, die Welt zu betrachten.  In diesem schmucken Zauberkästchen befindet sich nicht nur die Welt wie ich sie gerade vor mir habe, sondern alles, was Menschen wissen und je  gewusst haben. Und das von überall  und nicht nur vor meinem beschränkten Horizont. Ein Lob auf die Technik, ein Gloria auf den Fortschritt!

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Wenn Hamburg eine Perle ist, sollte Bramfeld die Muschelschale sein. So etwas Hübsches wie eine Perle entsteht ja schließlich aus den Absonderungen der Muschelschale, was so viel bedeutet wie: ohne äußere Schale keine Perle, ohne Bramfeld kein Hamburg. Hamburg ist ja ein Sammelsurium verschiedener Stadtteile und ein Ureinwohner aus dem Norden Hamburgs ist zuerst einmal Bramfelder. Wenn er Glück hat, denn er könnte auch Rahlstedter oder gar Volksdorfer sein. Aber will man das wirklich?

Nun können leider nicht alle so viel Glück haben und in der schönsten Stadt der Welt und dann noch im schönsten Stadtteil Hamburgs wohnen. Unser Lieblingsseebär Nagelritz zum Beispiel hat gar kein zuhause. Er schippert auf dem Meer herum und fährt von einer Stadt zur anderen, ankert kurz, um seine Bräute zu beglücken und hisst dann wieder sein Unterhemd und weiter geht’s. Vielleicht sollten wir ihm heimatliche Gefühle entgegenbringen und ihm Asyl gewähren. Damit er mal merkt, wie schön es ist, ein Zuhause zu haben und im Perlmutt zu leben.  Und viele kleine Perlen zu fabrizieren.

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Letztens bei unserem Krimispaziergang durch Bramfeld war ich ja schwer schockiert über die vielen kleinen und großen Ganoven, die es sich hier in Bramfeld gemütlich machen beziehungsweise gemacht haben.  Gottseidank gibt es ja das Spinnrad auf der anderen Straßenseite nicht mehr, wo Gert G., der Würger von Bramfeld  und der Auftragskiller Mucki, alias Werner Pinzer ein und aus gingen und den ein oder anderen Gast gemeuchelt haben. Da habe ich mich doch gleich gefragt, wo sich heutzutage die Bramfelder Unterwelt so herumtreibt. Wenn Sie was wissen: sachdienliche Hinweise bitte an die zuständige Stadtteilkultureinrichtung ihres Vertrauens.

In selbstloser Aufopferung würden wir dann natürlich in diesen Hotspots des Grauens unsere beliebte und berüchtigte Straßensozialarbeit betreiben. Geschult in Breakdance und Gewaltfreier Kommunikation ist es uns bisher immer gelungen, Gröberes zu verhindern bzw. ungeschoren aus dem Gröbsten herauszukommen. Bestimmt trägt auch unser swingige Jazzclub sehr zum aggressionsfreien Umgang hier in Bramfeld bei. Hier sind Schlägereien äußerst selten; an Schießerei, Drogenhandel oder Prostitution kann ich mich gar nicht erinnern. Und das scheint mir für Bramfeld doch ein vielversprechender Anfang zu sein.

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Im Krügers Redder steht ein zarter Jüngling und zeigt sein kleines Zipfelchen. Warum tut er das, habe ich mich gefragt?  Macht er analog-Werbung für die allseits bekannten Email-Penisvergrößerungen, will er ein politisches Statement zur Freikörperkultur von sich geben oder ist er gar exhibitionistisch veranlagt und daher ein Fall für #metoo?  In so einer zahmen Wohnstraße der Familie Krüger gehört sich doch so etwas wirklich nicht. Skandal im Wohnbezirk, Skandal in Bramfeld.

Weniger skandalös ist, dass sich neben Mädels und Mädelingen nun auch ab und zu Jungs und Jünglinge schminken, was bei den Schminkkursen und Beautyabenden hier im Brakula zwar noch die absolute Ausnahme ist, aber die wenigen Mutigen, die sich trauen, werden nicht nur mit ausdruckstarken Augen, sinnlichen Lippen und einen blütenzarten Teint belohnt. Auch der Seele scheint es gut zu tun, wenn die äußere Schale strahlt. Und so stehen auch umfängliche Sanierungen und Komplett-Restaurationen auf dem Kurszettel. Lediglich Enthauptungen haben wir nicht im Programm. Wenn es aber mit dem Aufhübschen so gar nicht klappen will; es ist ja gerade Fastenzeit und Sie können ihre tiefen Augenringe auch auf das entbehrungsreiche Hungern schieben.

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Was ist denn ihr Lieblingsgemüse? Liebäugeln Sie eher mit den kleinen süßen Tomaten, dem deftigen Rosenkohl oder dem ach so gesunden Brokkoli? Und wo kaufen Sie ihr Grünzeug denn so ein? Bekannt und berühmt ist ja der Bramfelder Wochenmarkt. Dies zwar eher wegen Fesches Bratwurst aber wer vorher sündigt, schläft ja nachher bekanntlich besser und hat sich das anstrengende Rumgekaue auf Möhre und deren Verwandte  quasi präletal verdient. Die meisten von uns sind ja nicht mehr so ganz frisch und so begnügt man sich dementsprechend auch mit dem halbwelken Kohlrabi vom Supermarkt  oder dem schon asthmatischen Sellerie vom Discounter.  Und so schlecht kann das nicht sein; wächst schließlich unter der gleichen Sonne und wird vom gleichen nimmermüden hamburger Regen gedüngt.

Und schwups sind wir beim Thema: Die Gurke ist ein Nachschattengewächs und enthält 90 Prozent Wasser. Vielleicht kennen Sie dieses Spiel noch aus ihrer Jugend vor der Jahrtausendwende. Wenn nicht: hier bleibt leider keine Zeit, es zu erklären. Falls Sie aber mal Näheres zu den Spielen von damals wissen wollen, können Sie hier im Stadtteilarchiv Tipps und Ratschläge zu Schussern, Tüdelband und Köseln bekommen. Spannend erzählt und mit Anekdoten illustriert von ganz jungem Gemüse.

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Was ist eigentlich aus dem Bramino geworden? Kennen Sie überhaupt das putzige Tierchen, welches vor einigen Jahren das trübe Licht des Bramfelder Himmels erblickte, sich nur kurz umschaute und dann gleich wieder in den winterlichen Schlaf gelegt hat? Selbst aufwändige Recherchen im weltweiten Netz ergaben nur spärliche Hinweise auf den Verbleib dieses Knuddeltieres. Zuletzt soll es gerüchteweise einem mehr oder weniger bekannten ausländischen Politiker als Haarteil gedient haben. Wahrscheinlich fand das Bramino aber einfach keinen Fortpflanzungspartner bzw. eine Partnerin, da es vom Geschlecht her eher unbestimmt und vom Artikel eher sächlich ist. So ist es ihm wohl leider so wie dem Spunk ergangen. Einfach ausgestorben.

Vielleicht taucht er ja irgendwann mal in unserem Tauschregal auf. Dort sind immer allerlei  Schätze und Raritäten zu finden. Gerade zum Beispiel  hat jemand seinen gebrauchten Fliegenfänger ansprechend drapiert.  Circa 50 gemeuchelte Fliegen zeugen von der Wirksamkeit des klebrigen gelben Papiers. Das Ganze ist als Set oder auch in Einzelteilen zu bekommen. Falls jemand also nur die Fliegenschenkel bevorzugt, ist er herzlich eingeladen sich zu bedienen.

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Bramfeld schönster Einwegflaschenrückgabeautomat (welche ein Wort!) steht bei Kaufland. Drei große Bullaugen glotzen einen dort vorwurfsvoll an und gieren nach feuchtem ausgetrunkenem Futter. Was dort schmutzig im runden Rachen verschwindet, kommt fein säuberlich als kleiner mit Zahlen bedruckter  Zettel  wieder heraus, sozusagen als Verdauungsrest des Ganzen. Aber im Gegensatz zu den sonst eher unappetitlichen Erzeugnissen anderer Gattungen lässt sich dieser saubere Rest gleich wieder gegen neue Flüssigkeit eintauschen und das Spielchen beginnt von vorne. Feine Sache, so ein Automat.

Aber nur solange man sein Pfandgut selbst leer trinkt und vor den langen Fingern der Mitmenschen zu verteidigen weiß. Denn mittlerweile gibt es auch in Bramfeld eine wachsende Zahl von Glücksrittern und Pfandflaschenfanatikern.  Um diesen das entwürdigende Abtauchen in die ach so lustig beklebten roten Mülltonen zu ersparen, hier mein erhobener Zeigefinger der Woche: Pfand gehört daneben! Und der zweite: Pippi nicht! Beim Pinkeln zu sitzen hält die Schuhe trocken und die Gattin fröhlich. Gilt auch für das Stadtteilkulturzentrum dicht um die Ecke.

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Eine der größten technischen Attraktionen in Bramfeld ist das 8D Kino an der Bramfelder Chaussee neben dem Penny Markt. Unsereins ist ja mit 3 Dimensionen schon überfordert aber die Kids heutzutage sind uns dank intensiver Nutzung modernster Digitaltechnik  wohl um Lichtjahre voraus. Das Ganze ist allerdings nichts für schwache Nerven. Eins der Filmchen ist zum Beispiel eine Fahrt in der U-Bahn. Ich unterstelle mal, das Filmchen gibt Einblicke in die neue U-5 nach Bramfeld. Uns erwartet also in ein paar Jahren außer einer gruseligen Endhaltestelle „Bramfeld Dorfplatz“  ein paar vor die einfahrende U-Bahn plätschernde Zombies und so wurmähnliche Aliens, die einem um die Beine wabern. Alles nicht sehr appetitlich, aber sehr realistisch. Wie Bus- und Bahnfahren  in natura. Zur Erholung kann man sich nebenan  in StarWars Manier mit Lichtgewehren beschießen und  sich so schon mal auf den American Way of Life einstimmen. Oder Sie begeben sich ein paar Dimensionen  weiter Richtung Brakula zum Digger Slam und tauchen in die Welten des skurrilen Humors, des sinnfreien Nonsens und tiefgründigen Wortgeplänkels ein.

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Hyper Hyper, was wohl so viel wie unheimlich knorke bedeutet, wenn man es in bramfeldisch übersetzen würde. Der Schlachtruf der 90ger! Nun ist dieses Wortspiel der wahren Freude und des Übermuts leider keine original Bramfelder Erfindung, sondern erblickte 1994 schräg über Karsten Raff das Licht der Welt bzw. das Ohr des Bramfelders. Nanü, wundert sich da so mancher: Scooter und Bramfeld? Wie passt das zusammen? Das Studio über der ehemaligen Bramfelder Backstube diente den Techno Heroen der Steinzeit  lange zur Inspiration und Inhalation süchtigmachender Musik bzw. Tabaks. Damals war Bramfeld der Mittelpunkt der Radio-Techno-Welt und mit einem Indie-Label schräg gegenüber residierte dort eine weitere Perle der Tonkunst beziehungsweise Vermarktung derselben. Lang ist’s her, Scooter und die Bramfelder Backstube gehen nun getrennte Wege und auch der nachfolgende Puff ist Geschichte. Das Kleinod der ehemaligen Plattenfirma  steht aber noch. Während unserer Sanierung hatten wir dort unsere Zelte aufgeschlagen und haben live und in Farbe dem wachsenden Ungetüm Bramfelder Dorfpassage zuschauen dürfen.

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Weiss jeder: Alkohol ist nicht die Lösung. Kein Alkohol aber leider auch nicht. Die wichtigere Frage ist daher, wann und wo man seinen Alkohol zu sich nimmt. Heimlich vor dem Fernseher oder öffentlich in der Kneipe beziehungsweise vor dem Kiosk (neudeutsch Cornern). Wer es stilvoller mag, sollte sich am Marktplatz in den Lesegarten vor das Ortsamt setzen und mit beruhigendem Blick aufs Ärztehaus seinem Hobby nachgehen.  Die beiden Bänke umgeben von einer Schotterwüste und 2 Büschen laden zwar nicht wirklich zum verweilen ein, aber die einheimische Trinkerszene hat das Ganze schon für sich entdeckt hat und nutzbar gemacht.  Davon zeugen die Hunderten von Kronkorken, die kunstvoll zwischen den Brettern der Bänke drapiert sind. Ebenfalls kunstvoll geht es am nächsten Wochenende im Brakula zu. Beim Kunst-Slam malen live und mit Farbe 6 Künstler um die Gunst des Publikums. Und das Tollste: am Schluss wird alles für einen guten Zweck versteigert und Sie können einen echten alten oder neuen Meister ihres Geschmacks  ihr eigen nennen. Der Erlös kommt wie immer einem edlen Zweck zu Gute; wahrscheinlich also wieder Schnaps für die Kollegen und mich (siehe oben).

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Im Frühjahr ist die Zeit der Krötenwanderungen. Da passt es gut, den Bramfeldern ein paar Kröten vorzusetzen, die sie bitte schön zu schlucken haben. So wurden im Februar die neuesten Planungen zur U5 vorgestellt. Das diese nun nicht in die City geht, keine Haltestelle am Hartzloh und am Rübenkamp keine S-Bahn Anbindung bekommt: geschenkt. Sehr bitter allerdings die Diskussion um einen Wegfall des Zugangs auf der Seite vom Brakula, der bei der sogenannten Bürgerbeteiligung präsentiert wurde. Und dann: die Friedenseichen auf dem Dorfplatz sollen weg, damit ein neuer Dorfplatz mit „erhöhter Aufenthaltsqualität“ geschaffen wird. Wie der direkt an der Bramfelder Chaussee, einer der meistbefahrensten Straßen Hamburgs aussehen soll, ist mir schleierhaft. Die Fußgängerampel vor der Rotbuche soll auch eingespart werden, was besonders die vielen Schüler der Schule Bramfelder Dorfplatz ärgern wird, die nun einen Umweg und zwei Straßenüberquerungen in Kauf nehmen müssen. Egal: Kröten sind auch nur Frösche, Froschschenkel eine Delikatesse und Hauptsache, die U5 fährt irgendwann einmal.

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Jürgen hat zu brav gelebt und soll nun vorzeitig in den Himmel oder die Hölle abberufen werden. Für die Hölle ist er allerdings zu langweilig, für den Himmel nicht langweilig genug. Was tun? Des Rätsels Lösung können Sie bei uns am Sonntag, den 6.5 in der Komödie „Eine höllische Nacht“ sehen. Die Theatergruppe „Die Profilisten“ zeigt ihnen mit Witz und Verve, wie sie als Stubenhocker in die Hölle oder als Scharlatan in den Himmel kommen können. Oder, wie Sie ein frühes Ableben vermeiden und im wirklichen Leben den Himmel auf Erden oder ein teuflisches Vergnügen haben können. Wenn Sie sich dann gewappnet fühlen, können Sie ihre verwegenen Vorsätze nach der Vorstellung  zum Beispiel im Tabu oder sonst einem Etablissements ihres Vertrauens testen. Sie brauchen nur viel Mut und einen Plan, wie es weitergeht, wenn Sie so wie weit, wie Sie gehen wollten, gegangen sind. Wenn Sie ähnliche existentialistische Probleme wie Jürgen nicht plagen, gehen Sie nach der Vorstellung einfach nach Hause und warten auf den Rest in Peace.

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Bis zum 1. Juni können sich junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller noch mit ihren Texten bei unserem Schreibwettbewerb „Grenzen überschreiben“ bewerben. Es geht nicht nur um räumliche Grenzen, sonder auch um die Schere in Kopf und Herz, um soziale und emotionale Grenzen. Wo höre ich auf, zuzuhören, was geht mir zu nahe, wo und zu wem grenze ich mich ab und warum? Bei der gewaltigen Flut an Informationen  über Alles und Jeden ist es unmöglich, auch nur einen Bruchteil davon wahrzunehmen, zu verarbeiten und sich eine Meinung dazu zu bilden. Da sind die von „Freunden“ vorgefertigten Rezepte und Meinungen sehr willkommen, denn selber denken ist anstrengend und kostet Zeit. Schotten dicht machen und sich auf sich selbst zurückzuziehen sichert die eigenen Grenzen und hilft beim Überleben.  Von daher sind Grenzen natürlich und wichtig. Andererseits sind Respekt und Toleranz das A und O für das gemeinsame Zusammenleben und werden täglich auf die Probe gestellt. Nirgends lassen sich Grenzen so gut austesten wie in dem eigenen Umfeld, der eigenen Nachbarschaft und dem Stadtteil, in dem man lebt. In ihrem Fall also in Bramfeld.

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Bei meiner Lieblingseisdiele in der Bramfelder Chaussee saßen letztens zwei Möpse beim Kaffee. Passenderweise der eine espressofarben und der andere cappuccinofarben. Auf dem Schoß von Herrchen bzw. Frauchen, die ebenso passend  jeweils Cappuccino und Espresso mit Sambuca tranken, ließen sie es sich gut gehen. Soweit man es sich als Mops in einer Eisdiele gut gehen lassen kann, denn rohes Schnitzel oder Hundekuchen werden dort eher selten kredenzt. Vielleicht hatten sie auch von den Keksen, die es zum Espresso dazu gibt, Bauchschmerzen, denn sie schauten etwas grimmig aus. Typisch Möpse eben. Von Hunden erwartet man ja eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und Verwegenheit. Schließlich sollen sie unerwünschte Eindringklinge  ankläffen und ihr Revier verteidigen. Dafür werden sie geherzt und geliebt. Ob ein Leben ohne Mops zwar möglich, aber sinnlos ist, kann ich nicht beurteilen. Aber wenn Loriot es so gesagt hat, wird es schon stimmen. Als Kaffee-Junkie erscheint mir eher ein Leben ohne Espresso sinnlos. Und ohne das Brakula natürlich.

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Bei uns in einer Eibe vor dem Haus brütet bald eine Friedenstaube. Noch ist das Nest aus Draht zwar leer und sehr gemütlich sieht es auch noch nicht aus. Aber da die Friedenseichen im Zuge der U5 weichen sollen, wollten wir schon mal vorbeugend den Friedensgott besänftigen. Er heißt übrigens Baldur, oder wenn frau eher an Göttinnen glaubt, Forseti. Nicht dass er beziehungsweise schlimmer noch sie uns zürnen und nachher ganz Bramfeld in Schutt und Asche legen. Wir haben getan, was wir tun konnten, denn schon meine Oma wusste: Frauen können sehr grausam sein und wenn Eichen weichen, wird Frieden vermieden.

Zudem passt das Nest zu unserem Grenzen-Motto. Denn es ist aus einem Grenzzaun geschweißt worden. Statt Schwerter zu Pflugscharen heißt das Motto nun Grenzen für Flugstare.  Mal sehen ob es hilft. Amseln und Meisen sind auch willkommen. Allerdings glaube ich, dass sie durch das Zaungeflecht fallen und nicht so viel Freude an dem eher rustikalen Nest haben werden. Vielleicht besteht ja auch noch Hoffnung für die Friedenseichen. Dann bauen wir alles flugs wieder ab, entschuldigen uns bei den Piepmätzen und werden das Nest wieder als Grenzzaun zusammenpuzzeln.

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Jetzt, wo die Bienen bald aussterben, muss man daran denken, das neben der Bestäubung des jeweiligen Geschlechtspartners auch die Obstbäume nicht vergessen werden. Ansonsten gibt es keine schmackhaften Fruchtbabys und der Pflaumenkuchen schmeckt ohne Pflaumen nur nach Kuchen. (Selbst  die Sahne fehlt, denn die gibt nur mit Kuh-Bestäubung.) Ähnlich wie bei den Homo Sapiens ist eine erfolgreiche Bestäubung auch bei Pflanzen oft sehr mühsam. Der Bestäuber muss von Blüte zu Blüte krabbeln und dabei mit seinen Hinterbeinen Blütenstaub aufnehmen und diesen dann geschickt am weiblichen (Hinter)teil der Blüte platzieren. Ist noch schwieriger, als es klingt. Vielleicht ist es also besser, die Bienen zu schonen und  sie nicht weiter mit Gift zu quälen. Dann noch ein paar Bienenleckerlis im Garten oder auf dem Balkon anpflanzen und das Gewissen ist beruhigt. Wer mal sehen will, wie so etwas funktioniert, kann zum Imkerhuus auf Gut Karlshöhe gehen und sich dort zum Beispiel beim Obmann für Bienengesundheit über die lieben Majas und Willis informieren.

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Auch vor Bramfelds Flaniermeile, die ja schon den mondänen Namen Chaussee trägt, machen die neuesten Trends nicht halt. So entgeht dem aufmerksamen Beobachter nicht, dass die Bramfelderinnen von Welt nun Puschel-Badelatschen tragen. Sieht schlimm aus, aber da eine coole Sonnenbrille, weite Hosen, Teddy-Mantel und eine XXL-Tasche ebenfalls zum It-Girl-Outfit gehören, ist die Tarnung perfekt und niemand wird sie erkennen. Wer älter als  19,8 Jahren ist, sollte allerdings vorsichtig mit dieser Kombination umgehen und keinen Einkaufswagen vor sich her schieben oder sich sonst wie am Leben beteiligen. Bramfelder Männer können getrost bei ihren Adiletten oder den  ausgelatschten Cord-Pantoffeln bleiben, denn bei denen zählen nur die inneren Werte und dort besonders die im Portemonnaie. Wer als Lady zum Outfit noch Schminktipps braucht, ist herzlich zu den Beauty-Abenden ins Brakula eingeladen. Dort können Sie Alles über die Illusionsmalerei und die Kunst der Kriegsführung auf den Straßen Bramfelds lernen.

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Bei Kaufland habe ich letztens den Ausdruck Mettenmors gehört. Das meint so viel wie Regenwurmarsch und klingt dann schon nicht mehr so nett. Man sollte manchmal besser in ausländischen Dialekten sprechen bzw. die Sprache der Ureinwohner nutzen, um Missverständnissen und etwaigen Pöbeleien aus dem Weg zu gehen. Das Hochdeutsche macht oft nur Feinde, vielleicht klingt es in den plattdeutschen Ohren zu direkt und bestimmend. Vom oft schroffen Inhalt mal ganz abgesehen, aber den versucht ein anständiger Hanseat eh zu vermeiden. Nach diesem Plädoyer für die Mundart beziehungsweise hochdeutsch Mundkunst möchte ich Sie noch auf unsere reichhaltigen Angebote zur Schreibkunst hinweisen. Am 26.6 um 18 Uhr können Sie zum Beispiel den Ergüssen pubertierender Nachwuchsautor*innen lauschen und sich durch kunstvoll rhythmisierte Schallwellen verzaubern lassen. Am Tag drauf liest Ihnen mein Kollege Ulmer in unserer Reihe „Exilliteraten“ Spannendes zu den drei Kühen von Egon Erwin Kisch vor. So wie ich ihn kenne, wird es wieder absolut phänomenal.

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Auch in Bramfeld schreitet die Wohnraumvernichtung zügig voran. Da kann der gebeutelte Senat gar nicht schnell genug gegen an bauen oder besser gesagt, bauen lassen.  Monteurswohnungen und Ferienapartments, Airbnb, Luxussanierungen und Leerstände sind gerade in den äußeren Stadtteilen oft lukrativer als der reguläre Dauermieter. Zudem diese oft Instandsetzungen und Reparaturen einfordern und damit als natürlicher Feinde der Wohnungswirtschaft gebrandmarkt werden. Gentrifidingsbums und Mietpreisturbo sind weitere Handicaps für den Standart-Mieter und so wird es wie in vielen Hamburger Stadtteilen gehen:  das Wohnen auf der Bramfelder Scholle wird für Ottilie Normalverbraucherin unbezahlbar. Aber anderswo ist es ja auch schön und warum nicht mal wieder wie vor 1864 in Dänemark wohnen. Der Grenzstein vor der Busfahrer-Pinkelbude steht ja noch. Die Post bleibt so in Hamburg und der Brakula kommt dann zu Dänemark. Bleibt nur zu hoffen, dass die dänische Mietpreisbremse nicht ebenso kläglich versagt wie die hamburger.

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Letztens hev ick nen echten Millionär sahen. Nich hier in Bramfeld, dor gibs keene. Over ick feuer joar manchmal ins AEZ nach Poppenbüttel und dor löbbt se to hauf rum. Erkennen kann man se daran, dass man se nicht erkennen tut. De Schnösel mit Blondine sind doch nur Anfänger oder Schnakker. Ick hebb dor nett inne Fischbude setten und dor hett son Kerl mit roten Kaschmir-Pullover neben me gerad sin Matjesbrötchen verdrückt. Und als he gezahlt hefft, da wör alls klar. Millionäre zahlen ja immer in bar und passend. Nich mit Karte oder 100 Euro-Schein wie man so glöven daut. Und de Millionäre sind alls sehr nette Lütt, was ja auch nicht schwerfällt, wenn man so stinkreich is. Die grimmigen Pöbelbacken und Angsthasen sind ja eher so Mittelliga, so Lü wie du und ick. Weil die ja ok alles ausbaden möten und jederzeit weg vonne Fleischtööpe sind, wenn se nicht uppasst. Un dann is Rest des Lebens Salamibrot knabbern ansecht.

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Letztens hebb ick mir moal Gedanken um de Afrikaner gemacht. De hebbt ja nich so viel zu lachen glöv ick, obwohl die Leute, die schon moal dor warn seggen, das de immer ganz lustig sin. Und das, obwohl se nix hebbt. Und wir hier, we hebbt alls und sind gar nich lustig. Manche sind ja richtig griesgrämig. Also solt wie uns doch mal angucken warum die dor so gaud druf sind.  Woarschinlich isses einfach dat bessere Wetter dor. Und dann isses ja keen Wunder.

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Gestern wör ik in Rathus. Over nich, um den ollen Ahlhaus mal den Hintern versohlen för so veel Dummheit.  Jetzt, wo de Ruf ers ruiniert is und es nix mär zu verliern gifft, zeigt ei mol sin woares Gesicht. Und dat is ja ganz schön fies, wie jeder weiß. Druf gschissen. Ne, gestern wörn die Ehrenamtlichen von Hamburg ins Rathaus einladen wörn und dör künnt se sich mal so richtig satt essen. Wör sehr nett wän, is ja wunderboar in Kaisersaal. Ick bün joar eingeladen wen, weil ick Kinder vonne Grundschule bi de Hausaufgaben helfen dau. Dat kann jeder machen,  wat ja irgendwie schän is, aber ok nich grad fürn hohen pädagogischen Anspruch steiht. Ik bün aber billiger als nen richtigen Leerer und für de armen Kinners is dat wohl egal, de hebbt eh kine Schonce in Hamburg.

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Nu is de dicke Ahlhaus böse und spielt nich mer mit de annern. Und sine Isenbahn soll auch kenner mehr hebben. Wohrschinlich besinnt he sich over noch nach de erste Heulerei. Spätestens übermorgen heet he woll uk kapiert, dass nu Wahlkampf is und weder keep smiling, Lü verkohlen und rumschleimen ansecht is.  Nützen wirds wohl nich. Over de Fuchs lebt ja auch von de Dummheit de Gänse. Ick frei me schon. Endlich Wahlkampf. Endlich mool wedder wat los inne Stadt und alls frie Hus.

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Dor hebb ich doch auf’m Marktplatz vor Hertie letztens die Magda dröppen. Dee hett nu ein neues Auto, ganz was schickes in quietsch-rot und wör bannig stolz drauf. Nun ist ja grad Klimawandel und da heb ick ihr vertellt, dat das mit dem Auto fohrn ja nun bald vorbei is und sie ihr neies Auto wedder verköffen müsst. Denn geb dat endlich mal wieder Fahrräder auf dee Chaussee und nich mehr so viel Gestank und so. Dat wollt se natürlich gor nicht hören und fing an zu schimpfen wie die Deipel – von wegen bescheuerte Politiker und Konsorten und dee sollen nur mal kommen und versuchen, ihr dat neue Auto wegzunehmen. Und wenn im Februar Wahl iss, dann würd se nur den ADAC oder am besten gleich VW wählen, mit allen 20 Stimmen, die see hefft … So isse, die Magda, wenn’s um ihr Auto geht, kennt se kein Pardon ….

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Dies Joar gifft dat ja bannig veele Äpfel. Bloss wenne in de Geschäfte gahst,    merkste nichts davon. De kummt ja all aus dem Alten Land und sind genauso dür wie immer. Sollen die blöden Bauern demnächst mal wieder mit ner Preiserhöhung kommen, mit mir nicht! Ick köff all lang schon Freitags auf’m Markt und dor guck ich genau nach dem Preis. Apropos Markt: hebbt ihr all den Entwurf för den neien Marktplatz sehn? Dort soll ja bald das Bramfelder Regal stehen, da bün ick ja mal gespannt drauf. Vielleicht kann ich dann mal die ollen Kröchen von mi Mann endlich loswerden und in das Bramfelder Regal stellen. Bloss schiete, dass se nicht ann Klo’s gedacht haben, min Mann rennt ja alle zehn Minuten dorhin. Soll doch mal lieber Kürbiskerne knabbern, segg ick immer …